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Nun"Das Bilderverbot im Islam"(Version März 2007), veröffentlicht in der Zeitschrift "Nun" am 18.3.2007

Dieser Text ist Copyright FREE.Voraussetzung: Autorangabe/Verweis auf die Homepage: www.bilderverbot-islam.com

 

 

 

 

 

 

 



Das Bild(erverbot) im Islam

Dass die Bilder an sich im Islam verboten sind, ist eine weit verbreitete aber nicht zutreffende Annahme. Dieses Problem hat einen vorislamischen Ursprung wobei die Fragen der vorislamischen Weltanschauungen(wie Dynamismus und Animismus), aber insbesondere der Glaube an Dschinn (Geister, Dämonen), eine wichtige Rolle spielen. Im Laufe der Zeit wurde der Glaube an die Kraft der uns umgebenden Dinge und deren Einfluss auf das Weltgeschehen nicht endgültig aufgegeben(Vgl. Talismane bzw. Amulette). Gleichzeitig bestätigte die Offenbarung (Koran) die Existenz der Dschinn für die man glaubte eine inspirierende (was die Kunstschaffung angeht), ja sogar leitende, Funktion der Menschen übernehmen zu können.

Fotografie als festgesetzte Raumzeit

Das Bild im Islam wurde als etwas unnötiges angesehen dass den Gläubigen vom wahren Weg, nämlich der Suche nach der Wahrheit(=Gott), nur ablenkt. Die Nachahmung der Natur (Mimesis) fand aber in der islamischen Kunst statt, auch was die figurativen, die ursprünglich verbotenen Bilder, angeht. Man versuchte ein Verbot zu präzisieren indem man die Darstellungen aller Wesen mit einem ruh(Geist, Seele) als verboten und alles andere als erlaubt einstufte. Letztendlich beugte sich die „islamische Welt“ dem globalen Mediensiegeszug und begann Fotografien zu integrieren (Fotografie betrachtete man als „Fixierung der Schatten“, also nicht im Sinne von Mimesis sondern als die festgesetzte Raumzeit, insbesondere durch Licht verursachte Schatten, die möglicherweise die Tugenden der Menschen anschaulich und verwundbar machen), bis hin zum digitalen Bild (und Internet).

Konkurrenz Gottes

Das islamische Bilderverbot ist eigentlich ein Polytheismusverbot und als solches soll es verstanden werden. Das Bild ist der Produkt der Imagination und der Wiedergabe der Natur, wobei die Natur aber auch Imagination(obwohl ein Produkt der Seele) mit Gott gleichgesetzt wird(mit wenigen Ausnahmen innerhalb der Geistesgeschichte). Der Gott ist Schöpfer des Daseins(nur er kann die Raumzeitatome ballen und uns die Welt so präsentieren wie wir Sie kennen). Der Mensch allerdings, als sein Vertreter auf Erden (Halifa) darf die schöpferische Tätigkeit (u.a. künstlerische Tätigkeit) nur übernehmen solange er nicht in Konkurrenz Gottes tritt. Ein Bild ist ein direkter Produkt des Menschen, und indirekte Gottesprodukt(alles ist Teil der allumfassenden göttlichen Einheit, im Sinne von Tauhid). Die Menschen übernehmen die Kraft der Bilderschöpfung im Moment der Schöpfung (ascharitische Lehre von Aneignung) und tragen somit die Verantwortung für ihre Taten (die Fragen der Willensfreiheit und Prädestination sind wichtig in diesem Zusammenhang und können an diese Stelle aus Platzgründen nicht diskutiert werden. Es sei jedoch erwähnt, dass es mindestens fünf verschiedenen Positionen im Bezug auf das Bilderverbot gibt). Somit sind die Menschen für alle (Un)taten selbst verantwortlich, einschließlich der modernen „Idolatrie“, was man heute „Materialismus“ nennen mag. Genau dagegen spricht sich ein Bilderverbot im Islam aus, und nicht gegen die zweckmäßige Kunst. Auf diese Weise ist auch das Digitalbild(Internet) im Islam zu verstehen. Die großen Fernseh-Stationen der arabischen Welt mögen glauben, im islamischen Sinne zu handeln, man fragt sich aber ob sie selbst nicht diejenigen sind, die den Sinn des Bilderverbots im Islam am schlimmsten missverstanden haben. Denn 24 Stunden Nachrichten über Blut und Krieg sind nicht nur Information sondern „Lenkung des Bewusstseins“ ganz im Sinne von CNN und ähnlichen Polit-Sendern. Somit übernahm das Digital-Bild im Islam die gleiche Rolle, wie das im Westen der Fall ist.

Lesen statt schauen

Das „Darstellungswürdige“ im Islam ist nicht der transzendente Gott, da visuell nicht darstellbar(die Trinitätslehre und darauf aufbauende christliche Malerei und Ikonographie werden abgelehnt da die Kreuzigung Jesu, laut Koran, nie stattfand), und auch nicht Prophet Mohammed(da er genau wie Prophet Jesus, dem Koran nach, „nur“ ein Mensch aus Reihen der ihm gleichen ist), da man den Gefahr lief einen Personenkult heraufzubeschwören, sondern das „Darstellungswürdige“ ist das Wunder, Ayat (=Zeichen, Wunder) also Worte des Koran(weil Gottes Worte). Wenn man dazu weiß, dass die ersten Offenbarungsworte an Prophet Mohammed(von Engel Gabriel übermittelt): “Iqra“, also „Lese“, waren, dann ist die Wichtigkeit der Betonung der Schrift und Wissensaneignung im Islam perfekt. Ein Bild soll vielmehr „gelesen“ als gesehen werden, denn das wahre Wunder kann man nicht nachahmen(weil die Kopie immer schlechter als das Original ist) sondern man soll es lesen: das Wunder wurde als Wort an die Menschen weitergegeben (Göttliche Worte die im Koran offenbart wurden sind das einzig „Darstellungswürdige“).

Das islamische Bilderverbot ist schon als Formulierung zu stark ausgedrückt und sollte mit dem Zusatz „sogenanntes“ beschrieben werden. Denn, obwohl manche Ereignisse in der Geschichte zu dieser Annahme verleiten können, handelt es sich nicht um eine bilderfeindliche Einstellung, die die künstlerische Tätigkeit betrifft, sondern ausschließlich zu Zwecken eines Polytheismusverbots.

Bildverbot oder Kunstverbot?

Künstlerischer Ausdruck verleitet nicht zur Götzenanbetung, sondern drückt die Vielfalt schöpferischer Einheit aus, im religiösen wie auch im allgemeinen Sinne, was auf keinen Fall mit dem Islam in Konflikt steht. Im Gegenteil, es handelt sich viel mehr um den Ausdruck der menschlichen Vielfalt, die mit den „Wundern“ aus der Tierwelt zu vergleichen wäre, wie z.B. Farben bzw. Formanpassung mancher Tiere an ihre Umgebung usw. Wenn, dem Islam nach, diese „Wunder“ aus der Tierwelt als Gottes Zeichen (Göttliche Schöpfung) zu betrachten sind, warum dann nicht auch der Einfallsreichtum eines Straßenkünstlers der Picassos Ideen mit der Asphaltfarbe kombiniert?
Das sog. islamische Bilderverbot ist kein Kunstverbot. Dennoch existiert eine solche Tendenz auch in heutiger islamischer Gesellschaft. Diese Tendenz hat sich mittlerweile gewandelt, und mit dem technischen Progress wird auch die moderne Form der Naturabbildung (Foto, Film) akzeptiert und umgesetzt, was die heutige „islamische“ Kunstszene auch beweist (z.B. Shirin Neshat).

Es ist trotzdem nicht zu übersehen, dass die ursprüngliche Bilderverbotsidee ihr Ziel nicht verfehlt hat, so dass wir bis heute, im sakralen Bereich, keine bildlichen Darstellungen haben, während die Entwicklung von dekorativen Elementen (in Form von Kalligraphie, Arabeske), die durch dieses Verbot ausgelöst wurde, ihren Entwicklungsprozess nie beendet hat. Geometrie und kalligraphische Elemente werden heute von vielen modernen Künstlern in ihren Arbeiten aufgenommen und in modernen Medien wie Internet und dazugehörigen Bearbeitungsformaten weltweit verbreitet und ausgetauscht, was zu einer Neuentwicklung in diesem Bereich führt.
Die wachsende Akzeptanz oben erwähnter Ansichten, innerhalb islamischer Gesellschaften, ist kein Produkt der „Modernisierung“, die mit der Zeit (und technologischer) Entwicklung stattfindet, sondern vielmehr ist dies ein Spiegel des wachsenden Verständnisses von Botschaften des Islam.

KünstlerInnen und KalligraphInnen

Anderseits soll ein islamischer Künstler nicht als „Gefangener“ in seiner ornamentalen Welt betrachtet werden, wie ein Kalligraph, der gezwungen ist aus Buchstaben Bilder machen zu müssen. Vielmehr ist dieses künstlerische Können als meisterhafte Virtuosität zu verstehen, aus ganz „wenig“ sehr „viel“ zu schaffen. Dabei handelt es sich um Darstellungen der Lebensphilosophie eines jeden islamischen Gläubigen, um Darstellungen des inneren Wesens, das Diesseits und Jenseits in einem scheinbar ewig wiederholenden Muster zeigt. Symbolik, die dabei zum Vorschein tritt, ist weniger wichtig als die eigentliche Botschaft der Offenbarung, die für jeden islamischen Künstler die eigentliche Herausforderung in künstlerischer Darstellbarkeit ausmacht. Die abstrakten Formen, die dabei entstehen, lösen im Betrachterauge eine Bewegung aus, die an das Betrachten des Sternenhimmels erinnert. Der Blick springt von einem Punkt zum anderen mit Erwartung auf ein plötzliches Verständnis des Musters. Nur diese Abstraktion kann die Unbegreifbarkeit des Göttlichen Wesens ausdrücken, das sich von jeder greifbar stofflichen Dimension unterscheidet und über dieser steht. Denn die künstlerische Gehörigkeit jeder materiellen Dimension des Daseins bedeutet für einen islamischen Künstler einfache Nachbildung, ohne den wahren Kern, aus dem die eigentliche schöpferische Allmacht herauszulesen ist. Obwohl die Buchmalerei einen starken Einfluss, in der späten Phase der islamischer Kunst, auf die Künstler ausgeübt hat, war sie dennoch begrenzt auf wenige Themen (wie miradsch, Himmelsreise, Mohammeds oder Herrscherportraits usw.), und somit auch zeitlich begrenzt (Stil Entwicklungen, die in eine bestimmte Zeit einzugrenzen sind), was man von den abstrakt erscheinenden Darstellungen (Ornamentik aber auch Kalligraphie) nicht behaupten kann. So wie vor Hunderten von Jahren, lösen diese künstlerischen Formen die gleiche Bewunderung aus, wie bei heutiger Betrachtung. Dies beweist, dass eine islamisch zu nennende Kunst durch das sog. Bilderverbot an ihrer Qualität nichts eingebüsst hat, im Gegenteil. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass die bildlichen und figürlichen Darstellungen islamischer Kunst nur Reproduktion der fremden Stile waren. Sie sind sicherlich größtenteils durch die fremden Stile (vorislamische bzw. Stile der Nachbarkulturen) geprägt und trotzdem weisen sie eigene Entwicklungsphasen auf, die aber nie, wie das bei Ornamentik bzw. Kalligraphie der Fall ist, eine einheitliche Stilistik entwickelt hat, was eben durch diese fremden Einflüsse und somit regional bedingt ist.

Bilder im „geistigen Auge“

Das sogenannte islamischer Bilderverbot prägte entscheidend die Entwicklung islamischer Kunst, positiv wie auch negativ, wobei es nicht darum geht, wie stark diese beide Tendenzen, sondern wie qualitativ wertvoll diese Entwicklungen waren bzw. ob sie auch einen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung hatten.

Das Bilderverbot des Islam wirft viele Fragen auf: wie sinnvoll ist die Darstellung der Natur überhaupt? Wer kann für sich behaupten einen Sonnenaufgang „konservieren“ zu können? Man fragt sich, ob die Phrase „ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“, auch einen Blinden ansprechen kann? Nein, im Glauben der Muslime- des Korans ist vielmehr der sprachlicher Ausdruck, das Wort, fähig ein Bild von einem nie gesehenen Sonnenaufgang, auch einem Blinden, vor das geistige Auge zu führen: „Wir werden sie (draußen) in der weiten Welt und in ihnen selber unsere Zeichen sehen lassen, damit(oder: bis) ihnen klar wird, dass es die Wahrheit ist(was ihnen verkündet wird).“(Koran 41,53)

Dr.Almir Ibric

 

Artikel wurde bereits veröffentlicht:

1. Veröffentlichung am 5.Nov.2004.[auf der Seite: http://www.donau-uni.ac.at/zbw/bild (Donau UNI Krems)] Als Ein Beitrag zum "Bild des Monats"(Organisation und Redaktion: Fr.Mag.Jeanna Nikolov Ramírez-Gaviria, Donau UNI Krems)

2. Veröffentlichung am 10.11.04. (Titel:"Das islamische Bilderverbot" , auf der Seite: http://al-asr.karimsaad.com/main/index.php?site=religion/bilderverbot) (Organisation und Redaktion: Karim Saad, www.al-asr.net) -

3.Text Registriert online: August 2005| zum Download angeboten auf www.ahmads-kleine-seite.de

4. Text registriert Online: Oktober 2006 auf SOCIETY OF CONTROL http://www.societyofcontrol.com/library/culture/bilderverbot_im_islam.txt

5. Veröffentlicht in der NUN Zeitschrift (www.nun-zeitschrift.de) am 18.3.2007 und(S.39-41) zum Download angeboten auf der Seite:http://www.nun-zeitschrift.de/de/index.php?idcatside=6. Zeitschriftcover:

Nun

Text wurde mehrmals übernommen/zitiert und als PDF angeboten.

 

 

 

 

 

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